Philip Hitschler-Becker: Wie der hitschies-Chef ein 90 Jahre altes Familienunternehmen neu erfand
Es gibt in Deutschland nicht viele Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen, die man am Sonntagabend beim Scrollen durch TikTok trifft. Philip Hitschler-Becker ist einer davon – und wahrscheinlich der bekannteste. Der Kölner führt in vierter Generation den Süßwarenhersteller Hitschler, hat die Marke 2021 in „hitschies“ umbenannt und sich dabei selbst zum Gesicht des Unternehmens gemacht. Wer heute über Corporate Influencer, Creator-CEOs oder digitale Markenführung im deutschen Mittelstand spricht, kommt an seinem Namen kaum vorbei.
Wer ist Philip Hitschler-Becker? Das Kurzprofil
Philip Hitschler-Becker wurde am 13. Dezember 1987 in Köln geboren. Er ist Urenkel des Firmengründers Ferdinand Hitschler und führt die Hitschler International GmbH & Co. KG seit November 2017 als Geschäftsführer. Das Unternehmen sitzt heute in Hürth bei Köln und ist vor allem für Kaubonbons, saure Drachenzungen, Fruchtgummi und die brausegefüllten Oblaten bekannt, die Generationen von Kindern schlicht „UFOs“ nennen.
Was ihn von vielen Mittelstandschefs unterscheidet: Er ist gleichzeitig Unternehmer und Content Creator. Auf Instagram folgen ihm rund 218.000 Menschen, dazu kommen große Reichweiten auf TikTok, LinkedIn und YouTube. In seinem LinkedIn-Profil bezeichnet er sich neben dem offiziellen CEO-Titel augenzwinkernd als „Feel Good Manager“.
Ausbildung und beruflicher Werdegang vor dem Familienunternehmen
Nach dem Abitur studierte Philip Hitschler-Becker Betriebswirtschaftslehre in den Niederlanden und in Australien. Danach entschied er sich bewusst gegen den direkten Einstieg ins eigene Unternehmen – ein Weg, den viele Nachfolgerinnen und Nachfolger in Familienbetrieben empfehlen, aber deutlich weniger tatsächlich gehen.
Rund sechs Jahre lang arbeitete er in Marketing und Vertrieb bei zwei großen Konzernen der Konsumgüterbranche: Danone und Iglo. Diese Stationen prägen bis heute erkennbar seinen Stil. Markenführung, Category Management, Handelslogik im Lebensmitteleinzelhandel – das sind keine Themen, die er sich später mühsam aneignen musste, sondern Handwerk, das er im Konzern gelernt hat. Genau diese Kombination aus Konzernmethodik und familienunternehmerischer Entscheidungsfreiheit erklärt einen Teil seines späteren Tempos.
Der Einstieg 2017: ein Traditionsunternehmen unter Druck
Als Philip Hitschler-Becker im November 2017 mit 29 Jahren die Geschäftsführung übernahm, war die Ausgangslage alles andere als komfortabel. Nach dem Tod von Karl Walther Hitschler im Jahr 2010 hatten sieben Jahre lang familienfremde Manager das Unternehmen geführt. Die Marke war bekannt, aber verstaubt. Wirtschaftlich stand der Betrieb nach Darstellung mehrerer Wirtschaftsmedien deutlich unter Druck.
Der Umsatz lag 2017 bei rund 37,5 Millionen Euro, im Unternehmen arbeiteten etwa 150 Menschen. Produziert wurde – und wird bis heute – im hessischen Michelstadt im Odenwald.
Statt einer klassischen Sanierung mit externen Beratern wählte der neue Chef einen ungewöhnlichen Weg: Er setzte auf Geschwindigkeit, junge Mitarbeitende, eine radikal veränderte Unternehmenskultur und vor allem auf ein Werkzeug, das in seiner Branche damals kaum jemand ernst nahm – das eigene Smartphone.
Der Umzug nach Hürth und der „Hitschler Campus“
Ein sichtbares Signal des Kulturwandels war der Standortwechsel. Im Jahr 2020 – mitten im Corona-Jahr – verlegte das Unternehmen seinen Stammsitz von Köln an die Stadtgrenze nach Hürth-Kalscheuren. Auf dem Gelände, auf dem früher Fernsehproduktionen entstanden, entstand der sogenannte Hitschler Campus.
Reportagen aus dieser Zeit beschreiben ein durchgehend verglastes Gebäude, Industrielampen, eine „Bibliothek“ mit Retro-Sesseln, Arbeit in Open Spaces und ein Chefbüro ohne Tür, vor dem die Näpfe der Bürohunde stehen. Geduzt wird grundsätzlich. Für Philip Hitschler-Becker war der Umzug ausdrücklich Teil der Personalstrategie: In einem angespannten Arbeitsmarkt sollte der Campus ein Argument im Wettbewerb um Talente sein.
Vom Hitschler zum hitschies: das Rebranding 2021
2021 folgte der Schritt, der nach außen am stärksten wirkte. Die Marke wurde von „Hitschler“ in „hitschies“ umbenannt – benannt nach dem bekanntesten Produkt des Hauses, den Kaubonbons.
Dahinter steckte mehr als eine Namensänderung. Bereits in einem Interview aus dem Jahr 2019 hatte Philip Hitschler-Becker erklärt, dass „Hitschler“ für ausländische Konsumenten schwer auszusprechen und zu merken sei – ein Problem, das im Auslandsgeschäft konkret wurde. Die Umbenennung war damit auch eine Vorbereitung auf Internationalisierung.
Gleichzeitig verschob sich die Zielgruppe. Aus einer Kindermarke im Süßwarenregal wurde eine Marke, die Teenager und junge Erwachsene ansprach – also genau die Altersgruppe, die auf TikTok und Instagram unterwegs ist.
Social Media als Chefsache: der Creator-CEO
Der entscheidende Hebel war die Entscheidung, keine große Agentur zu beauftragen, sondern selbst vor die Kamera zu gehen. Philip Hitschler-Becker filmt mit dem Handy, schneidet Alltagsszenen aus dem Büro, testet Produkte, springt schon mal ins firmeneigene Bällebad und spricht seine Community konsequent als „Friends“ an.
Bemerkenswert ist der Ressourceneinsatz: Nach eigenen Angaben investiert er rund zwei Arbeitstage pro Woche in Content. Für einen Geschäftsführer eines Unternehmens dieser Größe ist das eine radikale Priorisierung – und sie ist betriebswirtschaftlich begründet. Das Unternehmen gibt vergleichsweise wenig Geld für Paid Marketing aus und treibt den Abverkauf online wie stationär überwiegend über organische Reichweite.
Diese Logik ist der Kern dessen, was heute als „Creator-Mindset“ im Mittelstand diskutiert wird: Reichweite wird nicht eingekauft, sondern intern aufgebaut. Der Nachteil liegt auf der Hand – die Marke hängt sehr stark an einer einzelnen Person.
Virale Produkte: Drachenzungen, Crunchies und Brizzl Bälle
Reichweite allein verkauft keine Süßigkeiten. Was Philip Hitschler-Becker gelungen ist: Er hat Produkte und Plattformlogik zusammengebracht.
Saure Drachenzungen wurden zum viralen Aushängeschild – lange bekannt, aber durch TikTok-Trends rund um Sauer-Challenges und ASMR-Sounds neu aufgeladen.
Gefriergetrocknete Varianten trafen den Trend zu „freeze dried candy“, der in den sozialen Netzwerken enorme Aufmerksamkeit erzeugte. Knackgeräusche funktionieren auf Kurzvideoplattformen erstaunlich gut.
Brizzl Bälle und weitere Neuheiten wurden gezielt so eingeführt, dass Produktlaunch und Content-Launch zusammenfielen, statt nacheinander zu laufen.
Die klassischen UFOs, also die mit Brause gefüllten Oblaten, blieben als Nostalgie-Anker im Sortiment und funktionieren generationsübergreifend.
Das Sortiment besteht überwiegend aus Kaubonbons, Kaubonbon-Dragees, Fruchtgummi, Kaugummi, Schaumzuckerware und den erwähnten Oblaten. Ein erklärtes Ziel war es, ab 2023 vollständig gelatinefrei zu produzieren – trotz eines breiten veganen Sortiments ist dieses Ziel bislang nicht vollständig erreicht.
Die Zahlen: Wachstum unter Philip Hitschler-Becker
Nüchtern betrachtet lässt sich die Entwicklung so zusammenfassen:
- 2017: rund 37,5 Millionen Euro Umsatz, etwa 150 Mitarbeitende
- 2021: rund 58 Millionen Euro Umsatz, zweistelliges Wachstum in der Pandemie
- 2023: rund 60 Millionen Euro Gesamtumsatz
- Produktion: rund 100 Beschäftigte in Michelstadt
- Zentrale: rund 55 Beschäftigte auf dem Hürther Campus (Stand 2022)
Dabei ist wichtig, das Wachstum nicht ausschließlich auf Social Media zurückzuführen. Die Pandemiejahre waren für Süßwaren insgesamt stark, gleichzeitig belasteten später steigende Zucker- und Rohstoffpreise die gesamte Branche. Philip Hitschler-Becker hat in Podcasts selbst eingeräumt, dass er trotz des Wachstums weiterhin nach einer echten Cashcow sucht – ein bemerkenswert ehrlicher Satz für jemanden, der ansonsten sehr positiv kommuniziert.
Internationalisierung: Südkorea, Japan, USA
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung oft untergeht: Das Auslandsgeschäft hat sich stark verändert. Südkorea und Japan zählen inzwischen neben Deutschland und Österreich zu den größten Märkten der Marke. Der asiatische Erfolg ist eng mit viralen Sauer-Formaten verbunden, die dort seit Jahren eine eigene Content-Kultur haben.
Der US-Markt verlief dagegen weniger glatt. Der Firmenchef hat mehrfach von schmerzhaften Erfahrungen und Rückschlägen im amerikanischen Geschäft gesprochen. Auch das gehört zur Bilanz: Nicht jede Expansion war ein Selbstläufer.
Führungsstil: kein E-Mail-Postfach, dafür Tempo
Zu den meistdiskutierten Eigenheiten gehört sein Umgang mit interner Kommunikation. In einem Podcast sagte er sinngemäß, er sei vermutlich der einzige CEO ohne E-Mail-Adresse. Interne Abstimmung läuft stattdessen über Messenger und direkte Ansprache.
Der Gedanke dahinter: Entscheidungsgeschwindigkeit. Wer keine Postfächer abarbeitet, kann schneller reagieren – gerade bei Content, der innerhalb von Stunden relevant ist. Kritiker halten dagegen, dass Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und Datenschutz bei Messenger-Kommunikation im Unternehmenskontext heikle Themen sind. Wer den Ansatz kopieren will, sollte diese Punkte ernst nehmen.
Kritik: Wo die Zuckerfassade Risse zeigt
Zu einer sauberen Einordnung gehört auch die kritische Berichterstattung, und die gibt es.
Das Wirtschaftsmagazin manager magazin hat sich in Artikel und Podcast damit befasst, dass die Modernisierung intern keineswegs bei allen Anklang fand. Der Umbau zur jungen, hippen Spaßmarke sorgte demnach bei etlichen Mitarbeitenden des Familienbetriebs für Unmut. Auch der Firmenchef selbst räumte früh ein, dass Beschäftigte das Unternehmen freiwillig verlassen haben.
Das Fachmagazin absatzwirtschaft berichtete im Januar 2024, dass ein zunächst zugesagtes Interview mit Philip Hitschler-Becker kurzfristig abgesagt wurde, nachdem das Unternehmen einen Fragenkatalog mit kritischen Punkten erhalten hatte. Die Redaktion bewertete das als auffälligen Kontrast zur betont lockeren „Friends“-Kommunikation nach außen.
Diese Punkte entwerten die unternehmerische Leistung nicht – aber sie zeigen ein Spannungsfeld, das viele Corporate Influencer kennen: Eine Marke, die auf Nahbarkeit und Authentizität aufbaut, wird an genau diesem Maßstab gemessen, sobald unbequeme Fragen kommen.
Markenerweiterung und Auszeichnungen
Zuletzt hat das Unternehmen begonnen, die Marke über das klassische Süßwarenregal hinaus zu dehnen. Neben Süßwaren gab es Vorstöße in Kategorien wie Energy Drinks, Müsli und Cerealien sowie Backwaren.
Diese Strategie zahlte sich sichtbar aus: 2025 gewann die Marke hitschies gleich drei Bestseller-Awards der Fachzeitschrift RUNDSCHAU in drei verschiedenen Kategorien sowie deren Innovation Award. Für einen Hersteller dieser Größenordnung ist das ein starkes Signal aus dem Lebensmitteleinzelhandel – also von jener Seite, die letztlich über Listungen und Regalplatz entscheidet.
Parallel ist Philip Hitschler-Becker als Keynote Speaker unterwegs und tritt auf Branchenbühnen auf, unter anderem beim OMR Festival, wo er 2025 gemeinsam mit einem Marketingverantwortlichen von McDonald’s auf der Bühne stand.
Was Unternehmen von Philip Hitschler-Becker lernen können
Für Mittelständler, die überlegen, ob der „Chef vor der Kamera“-Ansatz für sie taugt, lassen sich aus diesem Fall einige nüchterne Lehren ziehen:
Reichweite braucht Kontinuität, nicht Perfektion. Der Erfolg beruht auf hoher Frequenz und persönlicher Handschrift, nicht auf Hochglanzproduktion.
Der Zeiteinsatz ist real. Zwei Tage pro Woche sind keine Nebenbeschäftigung. Wer das nicht leisten kann oder will, sollte den Ansatz nicht halbherzig kopieren.
Produkt und Plattform müssen zusammenpassen. Saure und knackige Süßwaren funktionieren auf Kurzvideoplattformen deutlich besser als erklärungsbedürftige B2B-Produkte.
Personenmarken erzeugen Klumpenrisiko. Wenn das Gesicht ausfällt, fällt die Reichweite mit aus. Der Aufbau eines Teams vor der Kamera ist die naheliegende Absicherung.
Nach außen locker heißt nicht automatisch nach innen einfach. Kulturwandel erzeugt Reibung. Wer den Wandel will, sollte den internen Teil mindestens so ernst nehmen wie den externen.
Fazit
Philip Hitschler-Becker hat gezeigt, dass ein traditionsreiches Familienunternehmen sich nicht zwingend über Beratermandate und Restrukturierungsprogramme erneuern muss. Ein Smartphone, ein klarer Markenkern und die Bereitschaft, als Geschäftsführer selbst sichtbar zu werden, haben aus einer angestaubten Süßwarenmarke eine der bekanntesten digitalen Candy-Brands im deutschsprachigen Raum gemacht – mit Umsätzen, die sich seit 2017 deutlich erhöht haben, und mit Märkten in Asien, die vor einigen Jahren noch nicht existierten.
Gleichzeitig lohnt der differenzierte Blick. Der Kulturwandel hat intern Reibungsverluste erzeugt, der US-Markt blieb schwierig, und der Umgang mit kritischen Nachfragen hat Beobachter irritiert. Genau diese Ambivalenz macht den Fall aber interessant: Er ist kein Marketingmärchen, sondern ein reales Beispiel dafür, was digitale Markenführung im deutschen Mittelstand leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen.
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Häufig gestellte Fragen
Wer ist Philip Hitschler-Becker?
Philip Hitschler-Becker, geboren am 13. Dezember 1987 in Köln, ist ein deutscher Unternehmer und seit November 2017 Geschäftsführer des Süßwarenherstellers Hitschler International GmbH & Co. KG. Er führt das Unternehmen in vierter Generation.
Welche Marke gehört zu Philip Hitschler-Becker?
Er verantwortet die Marke hitschies, die 2021 aus der Umbenennung von Hitschler hervorging. Bekannt sind vor allem Kaubonbons, saure Drachenzungen sowie die brausegefüllten Oblaten, die umgangssprachlich UFOs heißen.
Wie hoch ist der Umsatz von hitschies?
Der Umsatz stieg von rund 37,5 Millionen Euro im Jahr 2017 auf etwa 58 Millionen Euro 2021 und rund 60 Millionen Euro im Jahr 2023. Aktuellere geprüfte Zahlen veröffentlicht das Familienunternehmen nicht regelmäßig.
Warum ist Philip Hitschler-Becker auf TikTok so erfolgreich?
Er produziert Inhalte selbst, mit dem Smartphone und in hoher Frequenz, statt auf Agenturen zu setzen. Nach eigenen Angaben investiert er rund zwei Arbeitstage pro Woche in Content und nutzt dafür Trends wie Sauer-Challenges und ASMR-Formate.
Wo hat das Unternehmen von Philip Hitschler-Becker seinen Sitz?
Der Stammsitz wurde 2020 von Köln nach Hürth-Kalscheuren verlegt, wo sich der sogenannte Hitschler Campus befindet. Produziert wird im hessischen Michelstadt im Odenwald.



