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Stepan Timoshin: Vom gefeierten Sneaker-Millionär zum Ermittlungsfall

Kaum eine deutsche Gründergeschichte der vergangenen Jahre wurde so oft erzählt wie diese: Ein Junge aus Berlin-Marzahn beginnt mit vierzehn, limitierte Turnschuhe zu handeln, eröffnet mit siebzehn seinen eigenen Laden und ist wenig später Millionär. Stepan Timoshin wurde zur Vorzeigefigur einer Generation, die Erfolg nicht mehr über Abschlüsse, sondern über Reichweite definiert. Talkshows, Wirtschaftsmagazine, Fernsehdokumentationen – alle wollten den jungen Mann sehen, den die Boulevardpresse den „Sneaker-Millionär“ taufte.

Heute liest sich dieselbe Geschichte deutlich komplizierter. Gegen Stepan Timoshin ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft, ein von ihm mitgegründetes Modelabel ist liquidiert, eine Firma in der Schweiz befindet sich in Abwicklung, und im November 2025 wurde ein Einschussloch in der Scheibe seines Ladens gefunden.

Wer ist Stepan Timoshin?

Stepan Timoshin wurde in Lettland geboren und kam im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Berlin. In einem Podcast beschrieb er sich selbst einmal als „einfachen kleinen Jungen aus Marzahn“ – eine Formulierung, die zum Fundament seiner öffentlichen Erzählung wurde.

Der Ausgangspunkt seiner unternehmerischen Laufbahn ist eine Anekdote, die er in zahllosen Interviews wiederholt hat: Sein Vater habe ihm wegen schlechter Noten das Taschengeld gestrichen und an einen Notendurchschnitt von 2,0 geknüpft. Für den Vierzehnjährigen sei das ein Schock gewesen, rückblickend aber der Auslöser für sein unternehmerisches Denken. Er habe in den Ferien zwanzig Stunden pro Woche in einem Hotel gearbeitet und so ein erstes Startkapital von 440 Euro angespart.

Über Social Media stieß Stepan Timoshin auf das Prinzip des Resellings: Ein YouTuber berichtete, mit einem einzigen Paar Sneaker 500 Dollar Gewinn gemacht zu haben. Timoshin begann, Preisentwicklungen limitierter Modelle zu studieren, kaufte sein erstes seltenes Paar und verkaufte es mit Gewinn weiter. Aus dem Hobby wurde ein Geschäftsmodell.

VADITIM: Der Laden in der Kleiststraße

2018 gründete Stepan Timoshin – nach eigenen Angaben noch minderjährig – die Marke VADITIM und eröffnete ein Ladengeschäft in der Kleiststraße in Berlin-Schöneberg. Das Konzept war zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch nicht selbstverständlich: ein kuratierter Store für seltene, oft schon vergriffene Sneaker, kombiniert mit einem Online-Shop und starker Social-Media-Präsenz.

Der Sneaker-Resell-Markt boomte in diesen Jahren weltweit. Paare, die im Erstverkauf 150 Euro kosteten, wechselten kurz darauf für das Zehnfache den Besitzer. VADITIM positionierte sich im oberen Segment: Preise von 1.000, 2.000 oder auch 15.000 Euro pro Paar gehörten zum Sortiment. Neben Schuhen kamen später Hoodies, Streetwear und Accessoires dazu.

Was VADITIM von vielen Konkurrenten unterschied, war die Person an der Spitze. Stepan Timoshin verkaufte nicht nur Schuhe, er verkaufte eine Aufstiegsgeschichte. Er trat in einer ARD-Reportage auf, gab Gründermagazinen Interviews, positionierte sich als Investor und Unternehmensberater. Nach eigenen Angaben sollen seine Firmen im Jahr 2023 zusammengenommen mehr als 100 Millionen Euro umgesetzt haben – eine Zahl, die deutsche Medien inzwischen deutlich zurückhaltender bewerten.

Elevate Clothing: Das Influencer-Label

Der zweite große Baustein im Portfolio von Stepan Timoshin entstand 2020. Gemeinsam mit dem Streamer und Influencer Elias Nerlich gründete er das Streetwear-Label Elevate Clothing. Kurz darauf stieß der ehemalige Fußballprofi und Influencer Sidney Friede dazu.

Die Konstellation funktionierte auf dem Papier perfekt: zwei Social-Media-Persönlichkeiten mit enormer Reichweite in der Zielgruppe, dazu ein Gründer mit Erfahrung im Handel mit hochpreisiger Streetwear. Elevate wurde innerhalb kurzer Zeit zu einer der bekanntesten Marken bei jungen deutschen Konsumenten. Ein Foto aus dem Jahr 2022 zeigt die drei Gründer vor einem Privatjet – ein Bild, das den Zeitgeist der Ära perfekt einfing.

2022 setzte das Unternehmen nach Recherchen des Spiegel rund 14 Millionen Euro um. Es war der Höhepunkt.

Der Absturz: Vom Millionenumsatz zur Liquidation

Ab 2023 kippte die Lage. Elevate rutschte erstmals in die Verlustzone, 2024 verschärfte sich die Krise deutlich. Berichten zufolge häuften sich unbezahlte Rechnungen, Gehaltszahlungen verzögerten sich, Honorare blieben über Monate offen, und intern soll es zu erheblichen Konflikten gekommen sein. Kunden beklagten sich öffentlich über verspätete Lieferungen.

2024 wurde Stepan Timoshin als Geschäftsführer abberufen. In der Begründung soll von einem „unbelegten Saldo“ in Höhe von 235.000 Euro die Rede gewesen sein. Geforderte Nachweise für Ausgaben – unter anderem bei Chanel, Hermès und einem Yachtvermieter auf Mallorca – habe er nicht geliefert.

Kurz nach der Bekanntmachung seiner Krebserkrankung erklärte Stepan Timoshin gegenüber der Bild, die Firma werde liquidiert; darüber hätten sich seine Geschäftspartner Elias Nerlich, Sidney Friede und er verständigt. Das sei schade, aber es gebe genug andere Projekte. Die offenen Forderungen von Gläubigern sollen sich laut Spiegel auf rund 1,5 Millionen Euro belaufen, hinzu kämen sechsstellige Steuerschulden.

Die Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft

Der entscheidende Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung kam im Mai 2026. Der Spiegel veröffentlichte eine umfangreiche Recherche, für die dem Magazin nach eigenen Angaben tausende Seiten interner Unterlagen vorlagen: Kontoauszüge, Verträge, E-Mails und Chatverläufe.

Wichtig für die Einordnung ist die Chronologie, die häufig falsch wiedergegeben wird: Der Strafantrag – unter anderem wegen des Verdachts der Unterschlagung – wurde bereits im August 2024 gestellt. Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte die laufenden Ermittlungen erst auf Anfrage im Zuge der Spiegel-Veröffentlichung im Mai 2026.

Was konkret im Raum steht

Der Vorwurf lautet, Stepan Timoshin habe als Geschäftsführer von Elevate Clothing über mehrere Jahre hinweg Firmengelder in Höhe von mehr als einer Million Euro zweckentfremdet. Konkret genannt werden unter anderem:

  • Luxusuhren im Wert von mehreren zehntausend Euro, abgerechnet über das Firmenkonto
  • das Leasing eines Rolls-Royce Cullinan im Wert von über 400.000 Euro für monatlich rund 4.400 Euro
  • Designer-Handtaschen namhafter Modehäuser
  • Jachtausflüge auf Mallorca und Aufenthalte in Fünf-Sterne-Hotels
  • Privatreisen, die über das Unternehmen abgerechnet worden sein sollen
  • hohe Überweisungen vom Firmenkonto auf private Konten und an eigene Unternehmen

In internen Dokumenten heiße es, „vielfache Buchungen“ deuteten „stark auf eine private bzw. gesellschaftsfremde Veranlassung“ hin. Die Mitgründer Elias Nerlich und Sidney Friede haben sich öffentlich distanziert und geben an, von diesen Ausgaben nichts gewusst zu haben.

Was die Verteidigung sagt

Der Anwalt von Stepan Timoshin weist zentrale Vorwürfe zurück. Der Erwerb der Luxusgüter sei Teil einer gemeinsam abgestimmten Strategie der damaligen Gesellschafter gewesen – Repräsentation und Marketing in einer Branche, in der Statussymbole zum Geschäftsmodell gehören. Private Nutzungen seien über ein Verrechnungskonto ausgeglichen worden.

Grundsätzlich spricht die Verteidigung von einer „eskalierten gesellschafts- und zivilrechtlichen Streitigkeit“, nicht von einer „feststehenden strafrechtlichen Tätergeschichte“. Timoshin selbst ließ Fragen des Spiegel unbeantwortet und schweigt zu den Vorwürfen weitgehend.

Es gilt uneingeschränkt die Unschuldsvermutung. Der Fall ist nicht entschieden, eine Anklage ist zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht öffentlich bekannt.

Auch in der Schweiz Probleme

Stepan Timoshin hatte die Schweiz öffentlich als Unternehmerparadies gelobt und dort Firmenstrukturen aufgebaut. Nach Berichten des Tages-Anzeigers befindet sich seine Immobilienfirma im Kanton Schwyz wegen offener Rechnungen inzwischen in Liquidation. Das Thema Standortwahl und Steueroptimierung, das er selbst prominent bespielt hatte, fiel damit auf ihn zurück.

Die Kandidatur bei Hertha BSC

Ein Kapitel, das in vielen Zusammenfassungen unvollständig bleibt, ist der Ausflug in den Profifußball. Nach dem Tod von Präsident Kay Bernstein stand bei Hertha BSC im November 2024 eine Präsidiumswahl an. Stepan Timoshin, damals 23 Jahre alt, warf seinen Hut in den Ring.

Er trat mit einem betont unternehmerischen Programm an: Der Verein müsse in erster Linie finanziell saniert werden, die Anleihe zurückgezahlt, Anteile zurückgekauft werden. In einem Interview attackierte er die Verantwortlichen scharf und kündigte an, den „Saustall“ aufzuräumen. Auf die Frage nach seinem jungen Alter antwortete er, entscheidend sei Erfahrung – er habe mehrere Unternehmen aufgebaut, den Krebs besiegt und eine Scheidung durchgemacht.

Das Ergebnis der Mitgliederversammlung am 17. November 2024 fiel eindeutig aus. Fabian Drescher setzte sich bereits im ersten Wahlgang mit 2.983 Stimmen durch. Uwe Dinnebier erhielt 582 Stimmen, Wolfgang Sidka 64, Stepan Timoshin 15 und Olaf Brandt 7. Die Kandidatur endete damit im einstelligen Promillebereich der Stimmen – ein deutliches Signal, dass die Vereinsbasis die Erfolgsgeschichte nicht kaufte.

Schüsse auf den Sneaker-Laden in Schöneberg

In der Nacht zum Montag, dem 24. November 2025, fiel gegen drei Uhr ein Schuss auf die VADITIM-Filiale in der Kleiststraße. Die Angestellten entdeckten das Einschussloch erst am Mittag und alarmierten die Polizei, die mit mehreren Einsatzfahrzeugen anrückte und den Tatort absperrte. Nach Berichten der B.Z. könnte eine Waffe größeren Kalibers verwendet worden sein.

Zusätzlich soll in einem Lüftungsschacht ein zugeklebter Brief ohne Aufschrift gefunden worden sein. Spekuliert wurde über eine Schutzgeldforderung – in den Wochen zuvor war es in Berlin vermehrt zu Schüssen auf Gewerbeimmobilien gekommen, unter anderem auf mehrere Fahrschulen, und die Polizei hatte Gewerbetreibende gewarnt.

Stepan Timoshin selbst wies diese Deutung zurück. Gegenüber der B.Z. sagte er, der Vorfall habe nichts mit seiner damaligen Hertha-Kandidatur zu tun, und er sei auch kein Opfer von Schutzgelderpressung in der Form, wie sie derzeit in Berlin fast täglich vorkomme. Er habe keine Angst, werde aber „seit längerer Zeit bedroht“. Wen er hinter den Schüssen vermutet, wollte er nicht sagen. Die Ermittlungen dauern an.

Krankheit, Scheidung und die Grenzen der Selbsterzählung

2024 war für Stepan Timoshin auch persönlich ein Einschnitt. Er machte öffentlich, dass bei ihm mit 23 Jahren Lungenkrebs diagnostiziert worden war, und dokumentierte Teile von Behandlung und Genesung in deutschen Medien. Im selben Jahr wurde seine Ehe geschieden.

Diese Offenheit hat zwei Seiten. Einerseits verschaffte sie ihm Sympathie und Aufmerksamkeit in einer Phase, in der geschäftlich vieles ins Rutschen geriet. Andererseits verstärkte sie den Eindruck einer durchgehend medial inszenierten Biografie – ein Punkt, an dem die Berichterstattung inzwischen ansetzt. Der Spiegel stellte Angaben zu seinem familiären Hintergrund infrage; die taz schrieb, dem Jungunternehmer werde Täuschung vorgeworfen, und er habe sich in der Berliner Start-up-Szene Feinde gemacht.

Was der Fall Stepan Timoshin über Gründerkultur verrät

Unabhängig davon, wie die Ermittlungen ausgehen, berührt der Fall eine Frage, die viele Selbstständige unterschätzen: Wo endet die Betriebsausgabe, und wo beginnt privater Luxus?

Das deutsche Steuerrecht verbietet teure Anschaffungen ausdrücklich nicht. Ein Unternehmen darf einen hochwertigen Wagen fahren, in guten Hotels tagen und repräsentative Gegenstände anschaffen. Entscheidend ist der betriebliche Zusammenhang: Absetzbar ist, was den Betrieb tatsächlich betrifft, ihn am Laufen hält oder nachweisbar voranbringt. Ohne saubere Dokumentation, klare Verrechnung privater Nutzung und nachvollziehbare Beschlüsse der Gesellschafter wird aus einer Marketingausgabe schnell ein Haftungsrisiko – zivilrechtlich wie strafrechtlich.

Gerade in der Creator-Ökonomie verschwimmt diese Grenze systematisch. Wenn die Person selbst das Produkt ist, lässt sich fast jede Anschaffung als „Content“ oder „Markenbildung“ rechtfertigen. Genau deshalb braucht es in solchen Strukturen strengere, nicht lockerere Regeln: schriftliche Gesellschafterbeschlüsse, getrennte Konten, ein sauber geführtes Verrechnungskonto und eine externe Buchhaltung, die auch unbequeme Fragen stellt.

Der zweite Lernpunkt betrifft die Medien und das Publikum. Über Jahre wurde die Zahl „100 Millionen Euro Umsatz“ weitergereicht, ohne belastbar geprüft zu werden. Reichweite ersetzte Verifikation. Dass diese Prüfung nun nachgeholt wird, ist unangenehm für alle Beteiligten – aber notwendig.

Fazit

Stepan Timoshin ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Gründer- und Influencer-Szene der 2020er-Jahre. Der frühe Erfolg mit VADITIM ist real, das Ladengeschäft in Schöneberg existiert, und die Marke hat die deutsche Sneaker-Kultur geprägt. Ebenso real sind aber die Probleme: Elevate Clothing ist liquidiert, Gläubiger warten auf Geld, eine Schweizer Gesellschaft wird abgewickelt, und die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts, dass mehr als eine Million Euro an Firmengeldern zweckentfremdet wurden.

Entschieden ist nichts. Timoshins Anwalt bestreitet zentrale Vorwürfe und spricht von einem eskalierten Gesellschafterstreit; die Unschuldsvermutung gilt uneingeschränkt bis zu einer möglichen rechtskräftigen Verurteilung. Wer den Fall verfolgt, sollte deshalb zwischen dem unterscheiden, was dokumentiert ist, und dem, was Vorwurf bleibt. Was sich schon jetzt sagen lässt: Die Geschichte vom Sneaker-Millionär war nie so einfach, wie sie jahrelang erzählt wurde.

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Häufig gestellte Fragen

Wer ist Stepan Timoshin? Stepan Timoshin ist ein in Lettland geborener, in Berlin aufgewachsener Unternehmer, der 2018 den Sneaker-Handel VADITIM gründete und in deutschen Medien als „Sneaker-Millionär“ bekannt wurde.

Warum ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Stepan Timoshin?

Er soll als Geschäftsführer von Elevate Clothing über Jahre mehr als eine Million Euro an Firmengeldern zweckentfremdet haben. Der Strafantrag wurde im August 2024 gestellt; es gilt die Unschuldsvermutung.

Was ist mit Elevate Clothing passiert?

Das 2020 mit Elias Nerlich gegründete Label setzte 2022 rund 14 Millionen Euro um, rutschte ab 2023 in die Verlustzone und wurde nach Gläubigerforderungen von etwa 1,5 Millionen Euro liquidiert.

Wurde Stepan Timoshin Präsident von Hertha BSC?

Nein. Bei der Wahl am 17. November 2024 erhielt er 15 Stimmen. Gewählt wurde Fabian Drescher mit 2.983 Stimmen im ersten Wahlgang.

Gibt es VADITIM noch?

Der Laden in der Berliner Kleiststraße bestand zuletzt weiter – dort wurde im November 2025 nach einem nächtlichen Schuss ein Einschussloch entdeckt. Zur aktuellen Eigentümerstruktur kursieren unbestätigte Angaben.

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